WM ohni Scheiss – Tag 24 / Sechzehntelfinale & Achtelfinale

tägliche Randbemerkungen von Herrn Kikos zum Männergekicke um den Weltpokal der Nationen 2026

Juli 4, 2026

SECHZEHNTELFINALS:

ARGENTINIEN – KAP VERDE 3 – 2

MUITO OBRIGADO. MUCHAS GRACIAS. Tausend Dank für dieses Fussball-Fest.
Auf dem Papier scheint die Sache klar. In der argentinischen Startelf stehen 10 Spieler der Meistermannschaft von 2022. Lediglich Angel di Maria fehlt. Der Zauberfussballer war mit 34 Jahren nach dem Finale zurückgetreten. Das Team von den Inseln, die gerade mal von einer halben Million Menschen bewohnt werden, galt neben Curaçao als der krasseste Aussenseiter der WM. Auf dem Feld allerdings, entwickelt sich das aufregendste Spiel des gesamten Turniers.
Schon in Hälfte eins zeichnet sich Augenhöhe ab. Argentiniens abgeklärte Spielweise, wird mit defensiver Disziplin, Einsatzbereitschaft, Spielfreude, Selbstbewusstsein und entlastenden Ballbesitzphasen gekontert. Nur vor dem Tor erzeugen die Kapverder kaum Gefahr. Da sind die Südamerikaner besser – und sie haben Messi, der nach einer halben Stunde unwiderstehlich einnetzt. Argentinien schaltet nun in Verwaltungsmodus und den geforderten Insulanern gelingt es zunehmend aus einer weiterhin stabilen Defensive heraus nach vorne zu spielen und immer wieder den gegnerischen Strafraum zu belagern. Doch auch die argentinische Verteidigung versteht ihr Handwerk und so sind die echten Gefahrenmomente weiterhin auf Seiten der amtierenden Weltmeister.
Nach der Pause, ähnliches Bild. Kap Verde bemüht sich offensiv, Argentinien verteidigt erfolgreich, bleibt aber im Schongang. Das rächt sich. Nach einer Stunde, Zuspiel von Aussen per Tunnel, strammer Schuss aus spitzem Winkel per Tunnel. Einseins. Let the Party begin. Argentinien ist gezwungen, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen und drei Minuten später verhindert der kapverdische Goalie der Herzen, Hirne und Nieren eine weiteren Messitreffer. Nun setzen sich die Südamerikaner in des Gegners Hälfte fest und testen ihr variables Angriffsrepertoire aus. Kurzpassspiel durch die Mitte, Flanken, Freistösse, hübsche Einzelaktionen. Das kapverdische Team verteidigt jedoch mit einer tollen Mischung aus systematischer Disziplin und grenzenloser Einsatzbereitschaft und im Tor hält Fuchs Vozinha alles, was zu halten ist.

Verlängerung: Ecke Argentinien. Unhaltbarer Treffer von Martínez in den kurzen Giebel. Und was macht das kapverdische Team? Tut so als ob nix wäre und nicht etwa 100 Minuten in den Beinen stecken und stürmt. Zunächst hübsch aber erfolglos dann aber mit dem Traumtor des Turniers von Aussenverteidiger Sidny. Zwozwo. Die Argentinier verfallen ob der kapverdischen Renitenz aber nicht in Chaos und Verzweiflung sondern starten konstruktive Angriffsversuche. Kap Verde haut sich in alles rein, Argentinien sucht die Lücke, Messi und Vozinha immer wieder im Mittelpunkt. Minute 111: Ecke Messi. Zwei Stürmer und zwei Verteidiger steigen im Pulk hoch. Romero köpft unwiderstehlich und unhaltbar. Tor. Da der Ball nach dem Kopfstoss noch Disneys Hand gestreift hat, wird dieser als Eigentorschütze angegeben. Statistiquatsch. Jedenfalls dreizwei. Und was macht das kapverdische Team? Tut so als ob nix wäre und nicht etwa 111 Minuten in den Beinen stecken und stürmt. Und hat tatsächlich noch drei mal die Chance auf den Ausgleich – aber es soll nicht sein. Dann ist Abpfiff.

Adels República de Cabo Verde, Até à vista und Glückwunsch zu diesem sensationellen Team, das aufgezeigt hat, wieviel Spass es machen kann, selbstbewusst und lustvoll mitspielen zu wollen, statt als vermeintlich schwächere Mannschaft ergebnisorientiert zu taktieren zu müssen.

KOLUMBIEN – GHANA 1 – 0

Das letzte 16tel-Finale ist aus der Kategorie einseitig. Der erste Schuss wird nach 50 Sekunden zwar von Ghana verbucht, danach spielen fast ausschliesslich die Kolumbianer gefährlich nach vorne und nach einer Viertelstunde einsnull. Dem haben die Afrikaner nichts mehr entgegenzusetzen, zwingen den kolumbianischen Keeper nicht zu einer einzigen Parade, Kolumbien hat noch mehrere Möglichkeiten, die ungenutzt bleiben. Ghana ist draussen.

Lieblingsszene: der einzige Treffer des Spiels

ACHTELFINALS:

KANADA – MAROKKO 0 – 3
 
Die Kanadier haben anscheinend von ihrem stetes überdrehten und aufgekratzten Trainer eine Familienpackung Amphetamine verpasst bekommen. Jedenfalls drücken sie in der Anfangsviertelstunde dermassen rustikal, wild und permanent nach vorne, als seien sie auf Speed. Bono, als U2-Sänger eine Nervensäge, als marokkanischer Torwart aber eine Bank, hält oder faustet alles weg, was aufs Tor kommt. Im Verlauf wird etwas entschleunigt, aggressives Vorpressing bleibt aber das kanadische Mittel der Wahl, Zwingendes ist jedoch rar. Marokko ist nicht Katar. Gleich nach der Pause machen die Marokkaner mit ihrer ersten seriösen Chance das hübsche nulleins. Nun zollen die Kanadier dem Anfangstempo Tribut, das Überfallartige weicht den Bemühungen um Spielaufbau und Ballkontrolle, doch Ideen, Präzision und technische Finesse, gehören nicht zu ihren Kernkompetenzen. So folgt das Vorhersehbare. Geiler Konter Marokko. Nullzwei. Kanada versucht alles, Gefahr bleibt jedoch Mangelware und so erneut das Vorhersehbare. Geiler Konter Marokko. Nulldrei. Kanada draussen.
 
Lieblingsspieler: Der marokkanische Torwart. Endlich kann ich Bono-Fan sein, ohne mich schämen zu müssen.
 
PARAGUAY – FRANKREICH 0 – 1
 
Ein ungeheuer spannendes Spiel. Zumindest für diejenigen, die schon immer nach einem Anschauungsbeispiel gesucht haben ob der Frage „Wie gehe ich als spielfreudiges Team mit totaler Destruktion und brutaler Härte des Gegner um?“ Für alle Anderen war es wohl das Grauen. Paraguay hat einen Plan: Mit Bollwerk um den Strafraum und rigorosem Unfairplay, die Null bis zum Elfmeterschiessen halten. Eine Weile geht der Plan auf. Die Franzosen tun sich schwer. Doch dann wird eines der vielen Fouls auch mal geahndet. Und da es im Strafraum war, mit Penalty. Mbappé trifft. Fertig ist der Lack. Da die Südamerikaner Rudelbildung besser können als Aufbäumen, bleibt es dabei. Paraguay draussen.
 
Seltsam: Die fragwürdige Spielleitung des Referees. Grobe Schnitzer und Ungeahndetes. Fünf gelbe und zwei rote Karten für Paraguay wären angemessen gewesen. Statt dessen gab es nur eine gelbe in letzter Minute. Dafür drei Verwarnungen für Frankreich, mindestens einmal davon glatter Fehlentscheid. Bezeichnend: eine der Wiederholungen der Szene zum Penalty ist aus der Perspektive der Schiri-Kamera. Deutlich ist das Foul zu erkennen. Aber erst der VAR muss den Schiedsrichter zum Monitor bitten, damit er schliesslich Strafstoss gibt